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Rechenzentren als Turbo für die Stadtentwicklung

Maschinenraum des Internets ++ Gewerbegebiet

Edge-Rechenzentren sorgen für besonders kurze Latenzzeiten, die für viele kritische IT-Anwendungen essenziell sind. Ihre wahre Superkraft liegt jedoch darin, einer Region neues Leben einzuhauchen. Gerade ländliche Gemeinden können mit einer guten digitalen Infrastruktur und eigenem Rechenzentrum sowohl Unternehmen als auch Bürgern verlockende Anreize bieten – und so nicht nur der Landflucht entgegenwirken, sondern sogar wachsen und gedeihen.

Früher galt eine gute Anbindung an das überregionale Straßen-, Schienen- und Schifffahrtsnetz als wichtiger Wettbewerbsfaktor. Heutzutage ist eine gute digitale Infrastruktur mindestens genauso wichtig, denn viele Geschäftsmodelle haben sich gewandelt, neue sind hinzugekommen. Auch das Freizeitverhalten ändert sich, so laufen bei den Jüngeren beispielsweise Streaming-Dienste dem klassischen Fernsehen den Rang ab. Immer mehr berufliche und private Aktivitäten finden im und über das Internet statt – somit ist eine sehr gute digitale Infrastruktur für eine florierende Wirtschaft und die Zufriedenheit der Menschen unabdingbar.

Vorteile von Edge-Rechenzentren

Edge-Rechenzentren sind Rechenzentren, die dort stehen, wo die Daten, die darin gespeichert und verarbeitet werden sollen, anfallen. Sie können theoretisch jede Größe haben – von einem kleinen Container bis zu Gebäuden mit vielen Tausend Quadratmetern Fläche – oder auch in einem Colocation-Rechenzentrum angesiedelt sein. Auf dem Vormarsch sind insbesondere solche, die in Kleinstädten und auch in ländlichen Gemeinden errichtet werden.

Die Lokalpolitik – genauer: die Landräte, Gemeinderäte und Bürgermeister – denken langsam um. Viele haben erkannt, dass eine Gemeinde, die über ein Rechenzentrum verfügt, grundsätzlich sehr attraktiv für Start-ups und andere Unternehmen ist, die sich irgendwo neu ansiedeln möchten. „Es handelt sich also um einen Wettbewerbsvorteil, den die Städte und Gemeinden für sich nutzen können“, so Werner Theiner, stellvertretender Vorsitzender des German Mittelstand e. V. und Digitalisierungsexperte.

Die gute digitale Infrastruktur schafft Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle und die Vernetzung vor Ort kann zu neuen Kooperationen führen. Das zieht weitere Unternehmen an, die wiederum mehr Menschen anziehen – sowohl als Kunden als auch als Arbeitnehmer –, wodurch sich mehr Menschen in der Region niederlassen, was der Landflucht entgegenwirkt. Dabei ist auch wichtig, dass junge Menschen nicht länger aus der Region herausgelockt werden.

Maschinenraum des Internets ++ Glasfaser-Switch

Bei attraktiven Rahmenbedingungen und einer guten Internetanbindung auf dem Land muss niemand mehr weite Wege in eine Großstadt pendeln oder dorthin ziehen, um da zu arbeiten. Zurzeit zeigt uns die Corona-Pandemie, dass große Metropolen, in denen Menschen dicht gedrängt leben und arbeiten, schwerwiegende Nachteile haben. Daher wird momentan das Homeoffice großgeschrieben und man darf davon ausgehen, dass es auch nach der Corona-Krise eine größere Rolle spielen wird als zuvor. Dafür sind natürlich ebenfalls gute Internetanbindungen unausweichlich.

Ein konkretes Beispiele dafür, wie sehr ein Edge-Rechenzentrum vor Ort nützt, ist das Thema Smart Mobility, das ohne die entsprechende Infrastruktur nicht funktionieren kann. Hier sind extrem kurze Latenzzeiten für die Sicherheit essenziell. Beträgt die Verzögerung durch die Datenübertragung nur wenige Millisekunden mehr, kann das schon tödlich sein. So kurze Latenzzeiten können aber nur durch kurze Wege zum Rechenzentrum erreicht werden. Ohne Edge-Rechenzentren geht es also nicht. Hinzu kommt, dass es sich um Informationen handelt, die lokal abgehandelt werden können, weil sie nur lokal von Interesse sind – etwa Staumeldungen. „Solche Daten müssen erst gar nicht um die halbe Welt oder durch halb Deutschland geschickt werden. Wer in München unterwegs ist, interessiert sich nicht für einen Stau in der Nähe von Köln“, sagt Werner Theiner.

Zudem legen viele kleine und mittlere Unternehmen Wert darauf, dass ihre Daten, wenn sie sie schon außer Haus geben, in der Region gespeichert werden. Die Gründe dahinter sind nicht immer rationaler Natur, oft handelt es sich um eine rein emotionale Entscheidung. Aber viele haben nun mal ein besseres Gefühl dabei und für sie können Edge-Rechenzentren die perfekte Lösung sein.

Maschinenraum des Internets ++ Bagger

Das Projekt Gemeinde-Edge-Rechenzentren

Um Gemeinden beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur zu unterstützen, treibt der German Mittelstand e. V. in Zusammenarbeit mit Di2 (Digital Infrastructure Investment) das ProjektGemeinde-Edge-Rechenzentren (Gem-ERZ) voran. „Das Projekt baut – in enger Absprache mit den Landräten und Bürgermeistern – eine Infrastruktur aus lokalen Rechenzentren auf und versorgt die Regionen bei Bedarf entsprechend mit schneller Glasfaseranbindung“, erklärt Werner Theiner.

German Mittelstand stellt dazu als Serviceagentur den Kontakt zwischen Lokalpolitik, regionaler Wirtschaft und den passenden Dienstleistern und Ausstattern her. „Wir organisieren die Vorfeldstudie, anhand derer sich erkennen lässt, wo sich ein Rechenzentrum rentiert. Das schafft Investitionssicherheit für die Investoren und für die Betreiber. Anschließend begleiten wir das lokale Rechenzentrum von der Finanzierung bis zum Betrieb“, so Werner Theiner.

Die Voraussetzungen, damit das Projekt GemERZ erfolgreich verlaufen kann, sind:

  • Betreiber, die gern auch aufs Land gehen und dort ein Rechenzentrum betreiben möchten. Häufig handelt es sich um schon bestehende Rechenzentrumsbetreiber, die nicht die erforderliche Größe haben, um eine riesige Rechenzentrumsfläche in der Frankfurter Innenstadt aufzubauen, die aber Potenzial darin erkennen, in die ländliche Breite zu investieren und auf diese Art zu wachsen.
  • Grund und Boden in den jeweiligen Regionen, der natürlich gekauft wird. Das übernimmt Di2 als Investorenpool.
  • Einrichtung und Betrieb des Rechenzentrums. Dafür ist der Rechenzentrumsbetreiber zuständig.

Um die Umsetzung solcher Gemeinde-Edge-Rechenzentren zu beschleunigen, wünscht sich Werner Theiner „kreative Menschen, die zukunftsorientiert denken“. Man müsse das Thema nicht sofort umsetzen, das gehe auch in drei oder vier Jahren, „aber es wäre gut, in den Gemeinden nun den Nährboden zu schaffen und eine breite Akzeptanz zu fördern“.

Indem sie neue Wege in der Digitalisierung ihrer Region beschreiten, können Gemeinden der Wirtschaft Wachstumsimpulse und den Menschen eine bessere Lebensqualität bieten. Die ersten Schritte sind gar nicht so schwer.

German Mittelstand e. V.
Di2

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